Lit_GU_DiketmR2008


Die Organisationsformen für Sportunterricht sind im deutschsprachigen Raum nicht einheitlich, denn das Fach »Sport« bzw. »Bewegung und Sport« wird sowohl nach Geschlechtern getrennt als auch gemischt angeboten. Verbunden sind mit der Entscheidung für die unterschiedlichen Angebotsformen verschiedene Grundannahmen über die Zusammenhänge von Sport und Geschlecht sowie die vermuteten Auswirkungen auf Schüler/-innen und die daraus resultierenden Geschlechterverhältnisse. Die Diskussion um Koedukation pro oder kontra bündelt die um die Kategorie Geschlecht rankenden Meinungen und zeigt, dass sich hinter der Vielfalt der vorliegenden Konzepte und Begriffe in der Praxis oft anderes verbirgt, als von Gesetzgebern oder Pädagog/innen intendiert. Im folgenden Beitrag werden daher Entwicklung und Diskussionsstand der Koedukation im deutschsprachigen Raum dargestellt und die Bedeutung der verschiedenen geschlechtersensiblen Zugangsweisen für die Sportdidaktik diskutiert.
Zusammenfassend zeigt sich, dass eine konsequente Umsetzung geschlechtersensibler Prinzipien und Zugänge von Lehrpersonen ein hohes Maß an Kompetenzen und Bereitschaft erfordert, sich mit sich selbst und der eigenen Geschlechtlichkeit auseinanderzusetzen. Die bloße Vermittlung von Sportinhalten alleine reicht dafür nicht aus. Gieß-Stüber (1997, 2001, 2002) betont, dass der Erwerb von Gender-Kompetenzen nicht einfach ist und Verunsicherungen auf verschiedenen Ebenen auslösen kann und gerade in der Ausbildung einen unverzichtbaren Bestandteil darstellen müsste. In nur wenigen Ausbildungsinstitutionen ist der Besuch relevanter Lehrveranstaltungen verpflichtend (vgl. Diketmüller, 2002, 2007). So ist die Aussage von Frohn (2002, S. 27) nachvollziehbar, dass »… die Entscheidung für oder gegen Koedukation im Sportunterricht noch kein Garant für einen mädchengerechten oder geschlechtersensiblen Sportunterricht [ist]: im koedukativen Unterricht ist es meist sehr schwierig, die Interessen und Bedürfnisse der Mädchen angemessen zu berücksichtigen: im geschlechtshomogenen Unterricht werden auch nicht per se Mädchen dazu angeregt, ihr Bewegungsrepertoire geschlechtergrenzenübergreifend zu erweitern.« Die Vorgabe der im Bildungsbereich verpflichtenden Umsetzung von Gender-Mainstreaming hätte im Grunde die Verantwortung für die Gestaltung und Bereitstellung der organisatorischen Rahmenbedingungen geklärt, um chancengleiche Bildungsmöglichkeiten (nicht nur) im Sportunterricht zu ermöglichen und zu einem gleichberechtigten Miteinander der Geschlechter durch alle Entscheidungen hinzuwirken. Die Ergebnisse von Gramespacher (2006) stimmen zwar etwas pessimistisch, denn bislang ist dieses Modell für viele Verantwortungsträger/-innen an den Schulen noch zu abstrakt. Möglicherweise treffen auch hier die Barrieren zu, wie bei Wolters (2002a) oben beschrieben, dass hehre Zielvorstellungen und abstrakte Konzepte durch biografisch erworbene Annahmen über Geschlechterverhältnisse überlagert werden. Dies und die Entwicklung der bisherigen Debatten um Geschlecht in Sport und Sportunterricht führen deutlich vor Augen, wie wichtig seine Reflexion in Aus- und Fortbildung ist. Dadurch wäre gewährleistet, dass die Kategorie Geschlecht in die Planung, Umsetzung und Evaluierung eingebunden wird und so einen reflektierteren und gleichberechtigteren Sportunterricht bewirken kann.